«In der Politik braucht es eine dicke Haut»

25.03.2011

Aktueller Artikel im Greenfo (hier) Politisch aktiv wurde die Baslerin Mirjam Ballmer 2001 durch ihr Engagement gegen eine geplante Zollfreistrasse durch ein Naherholungsgebiet. Mittlerweile ist die 28-Jährige Grossrätin und kandidiert für den Nationalrat. Mit Networking, Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen geht sie ihren Weg als Jungpolitikerin.

Bevor Mirjam Ballmer politisch aktiv wurde, war sie in der Pfadi. Höhepunkt ihrer Pfadi-Zeit war die Leitung eines Unterlagers des Bundeslagers mit 2500 Teilnehmenden. Bis heute braucht sie Aktivitäten in der Natur als Ausgleich: wandern, skifahren, Skitouren und Fussball spielen. «Ich habe zwei Herzen in meiner Brust», stellt sie fest. «Einerseits bin ich ein totales Stadtkind und liebe den Ausgang, Kultur, Theater, Konzerte; andererseits brauche ich die Natur.» Die Liebe zur Natur führte sie zu ihrem ersten politischen Engagement gegen die Zollfreistrasse. Das 700 Meter lange Verbindungsstück zwischen zwei bestehenden Strassen sollte aufgrund eines Staatsvertrages zwischen Deutschland und der Schweiz gebaut werden. Das Problem war, dass diese Strasse durch eines der letzten Gebiete mit Auencharakter im Kanton Basel-Stadt führen würde. Sie engagierte sich im Widerstand. «Es gab eine ziemliche Dynamik», erinnert sie sich. Sie begann, Infomails zu verschicken, und sammelte 700 Mailadressen von Interessierten. Sensibilisierungskampagnen und Besetzungsaktionen waren vergeblich: Die Bäume wurden gefällt. Doch Mirjam Ballmer hatte zum ersten Mal aktiv ein Netzwerk aufgebaut.

Bei den Grossratswahlen 2004 erreichte sie einen sehr guten Platz. Drei Jahre später wurde Anita Lachenmeier in den Nationalrat gewählt. Mirjam Ballmer rückte für sie in den Grossen Rat nach und setzt sich seither tagtäglich für ihre Anliegen und ihre tiefen Überzeugungen ein. Ihr Schwerpunktthema ist, wie im Beruf, die Naturschutzpolitik,  die in einem Stadtkanton nicht einfach umsetzbar ist. Doch auch hier fehlt es ihr nicht an guten Ideen, wie beispielsweise die Umstellung der Stadtgärtnerei auf biologischen Anbau. In der Stadtentwicklung setzt sie sich dafür ein, dass Basel attraktiv bleibt für Zuziehende, dass sie aber gleichzeitig ihre grünen Oasen und ihre Lebensqualität bewahren kann, zu der auch eine lebendige Kultur gehört. Sollte Mirjam Ballmer den Sprung in den Nationalrat schaffen, will sie sich in der Bundespolitik ebenfalls für den Naturschutz, den Erhalt der  Biodiversität, Umwelt- und Energiefragen sowie eine nachhaltige Verkehrspolitik einsetzen. Basel spielt da als Hafenstadt und Tor zur Schweiz eine spezielle Rolle.


Politkoller bekämpfen

Die Arbeit im Grossen Rat mache ihr immer noch Spass, aber gefeit vor dem Politkoller sei sie nicht, räumt Mirjam Ballmer ein. «Es ist für junge Frauen nicht einfach, Politik zu machen. Es braucht viel Durchsetzungsvermögen, Geduld, Ausharren, Kampf und dicke Haut.» Darum hat sie zusammen mit der Grünen Vizepräsidentin Aline Trede und der Tessiner Grossrätin Greta Gysin den Motivationsklub «Un caso per tre» (UCP3) gegründet. «Wir stützen und motivieren uns gegenseitig und tauschen Ideen aus, auch für Vorstösse.» UCP3 soll aber auch andere junge Frauen ermutigen. «Uns fiel auf, dass die jungen Männer in der Schweizer Politik extrem stark auftreten. Sie haben eine tiefere Hemmschwelle hinzustehen und sich zu präsentieren. Den jungen Frauen geht das ein bisschen ab.» Auch Mentoringprogramme hält Mirjam Ballmer für geeignet, um junge Frauen zu fördern und Netzwerke aufzubauen. «Netzwerke dienen dazu, sich gegenseitig aufzufangen sowie Zugang zu anderen Leuten und Institutionen zu schaffen.» Sie selbst war einst Mentee der Basler SP-Ständerätin Anita Fetz.


Nicht im Elfenbeinturm

Auch im Privatleben kommt Mirjam Ballmer nicht von der Politik los. «Manchmal nervt das ein bisschen, weil ich nicht immer Politikerin sein möchte, sondern manchmal einfach nur Mirjam. Aber es ist auch eine Chance zu zeigen, dass wir nicht in einem Elfenbeinturm sind.» Vor allem jungen Menschen müsse klargemacht werden, dass die Probleme, welche die Grünen thematisieren, auch sie betreffen. Hier komme es auch auf die Sprache an. «Einfache Worte kommen besser an als Fachjargon.» Im Gespräch mit Mirjam Ballmer wird klar: Sie hat ihren Weg gefunden, lässt sich von Widerständen nicht kleinkriegen und weiss, wo und wie sie sich ihre Motivationsspritzen holen kann. Über ihre politische Laufbahn wird daher sicher auch in Zukunft viel zu lesen sein.

Corinne Dobler