Ein Ozeanium der modernen Art

30.06.2014

Vor kurzem hat der Basler Zoo den Vorhang gelüftet und uns sein Projekt für ein Ozeanium an der Heuwaage präsentiert. Es überzeugt mich nicht. Die Fondation Franz Weber präsentiert eine Alternative.

 «Basel liegt am Meer», schreiben die Verantwortlichen. Eine nachhaltige Umweltbildungsinstitution, ein Zentrum für Erholung, Naturschutz und Forschung soll entstehen, in welchem Tausende Meerestiere in 30 Aquarien hinter Glasscheiben herumschwimmen. Die Menschen sollen dadurch lernen, welche Gefahren die Ozeane heute bedrohen. Doch lernen sie auch, was sie dagegen tun können? Projekt nicht nachhaltig Der Zolli verspricht viel in seinem Projekt und hegt unbestritten gute Absichten – das Wort Nachhaltigkeit wird nicht oft genug erwähnt. Doch stammt der ursprüngliche Gedanke eines Ozeaniums aus einer anderen Zeit und widerspricht deshalb aus meiner Sicht der Nachhaltigkeit. Wir versuchen, das Meer nachzubauen, und schaffen es doch nie, die Faszination und Schönheit dieses Lebensraums in seiner wahren Pracht wiederzugeben. Wir fühlen uns auch nicht in diesen Lebensraum versetzt. Nein, wir sind Zuschauer, aussen vor, vor der Glasscheibe.

Fische hinter Glasscheiben

Obwohl es kaum Nachweise gibt, dass der direkte Kontakt zu Tieren und zur Natur dazu führt, dass wir im Erwachsenenalter sensibler sind für Umweltprobleme, bin ich überzeugt, dass dieser direkte Kontakt wichtig ist. Tiere aus Fleisch und Blut anzufassen, zu riechen, zu hören ist etwas anderes, als Tierfilme zu schauen. Zoos können hier mit Umweltbildungsangeboten einen wichtigen Beitrag leisten. Den direkten Kontakt zu den Meeresbewohnern zu schaffen, ist hingegen schwieriger. Ob ein echter Fisch hinter der Glasscheibe herumschwimmt oder ob das ein eine realitätsnahe 3-D-Animation ist, macht nur einen geringen Unterschied. Eine andere Welt Ein Zolllimitarbeiter erzählte mir, dass er im Vivarium Kinder beobachtete, die mit den typischen Smartphone-Bewegungen versuchten, den «Bildschirm» – die Glasscheibe – zu vergrössern. Sie verstanden nicht, dass die Tiere dahinter echt waren. Sie können sie weder anfassen noch sonst irgendwie mit ihnen kommunizieren. Die Unterwasserwelt bleibt so eine andere Welt, in der wir Beobachter sind. Genauso, wie wir zuschauen, wie der Mensch die Weltmeere ausbeutet, verschmutzt und zerstört. Das Ausmass dieser Zerstörung ist unvorstellbar.

Ein echter Beitrag zum Schutz der Ozeane

Wer den Ozean schützen will, muss die Zuschauer auf andere Art zu Betroffenen machen. Er muss sie mitten hineinführen. Ein Alternativvorschlag zum Ozeanium der Fondation Franz Weber will Basel genau das bieten: den direkten Blick in die Weltmeere. Die Wirklichkeit betrachten Mit Visualisierungen, Animationen und Direktübertragungen aus Unterwasserkameras könnten wir diese verborgene Welt in echt betrachten. Wir sähen, wie sich die Meerestiere in Wirklichkeit verhalten, anstatt an Glasscheiben entlang im Kreis zu schwimmen. Wir könnten die grosse Vielfalt der Korallenfische bestaunen, die in einem Ozeanium nur annähernd gezeigt werden kann, wenn nicht regelmässig Wildfänge transportiert werden sollen. Und man könnte die grossen Probleme von Überfischung und Verschmutzung an realen Beispielen aufzeigen. Vision Nemo könnte die Zuschauer näher ans Meer bringen als jedes Aquarium. Wenn ein Ozeanium Basel zur Meeresstadt machen soll, dann nicht eines, wie es viele andere auf der Welt gibt. Vision Nemo könnte ein Quantensprung im Bereich Naturschutz, Zoohaltung und Meeresforschung werden, der Basel zur Pionierstadt machen würde. Ein Abenteuer, das uns nicht nur ans Meer, sondern ins Meer bringen würde.

Basler Kommentar in der bz vom 25.06.2014