Der nette Sexismus

17.05.2013

Vor kurzem forderte Michèle Roten im «Magazin» eine Sexismusdebatte in der Schweiz. Sie schreibt, nach der Brüderle-Affäre in Deutschland vergebens auf eine Reaktion hierzulande gewartet zu haben und stellt die Theorie auf, dass wir Schweizerinnen dem «Benevolent Sexism» erlegen sein könnten.

Der «Benevolent Sexism» bezeichnet den unscheinbaren Sexismus, wo Männer Frauen zwar etwas Nettes sagen, sie damit aber auf ihr Äusseres reduzieren und die Frauen sich nicht wehren, weil man beziehungsweise frau ja einen Mann nicht für ein Kompliment rügen kann.

Na gut, ich nehme die Aufforderung an und denke darüber nach, ob ich je mit Sexismus konfrontiert worden bin. Ich möchte sagen Nein. Nein, denn wir jungen Frauen sind emanzipiert – aber keine Emanzen. Wir sind unabhängig, wir wissen was wir wollen und wir werden ernst genommen, in dem, was wir tun. Lange hoffte ich, in meiner Generation sei die Gleichstellung kein Thema mehr. Und dann kommt mir in den Sinn, wie mir ein Grossratskollege vor einem Fussballspiel des FC Grossrat sagte «Meitli, das neue schwarze Trikot steht dir nicht.» Beim zweiten Mal (dann im Grossratssaal) bat ich ihn anständig aber deutlich damit aufzuhören. Beim fünften oder sechsten Mal wurde ich laut - erst  dann kam es an.

Oder ich erinnere mich, wie ein anderer Kollege sogleich auf meine Frisur zu sprechen kam, als ich ihn darauf ansprach, dass er einen Posten, für den er sich öffentlich interessiert hatte, nicht bekommen hatte. Ich könnte einige weitere Beispiele im und um den Grossratssaal aufzählen und stelle fest: Mit grobem Sexismus war ich noch nie konfrontiert. Der nette aber taucht immer wieder auf.

Auch von Frauen

Das eklatanteste Beispiel dafür war ein Porträt über mich in einer Basler Zeitung. Anlass dafür war meine bevorstehende Wahl zur Co-Präsidentin der Grünen Basel-Stadt. Ein durchaus politisches Ereignis, das man hätte zum Anlass nehmen können, über meine bisherige Politik, über Erreichtes und Fehler zu schreiben. Der gesamte erste Abschnitt handelte jedoch von meinem Aussehen, der Rest kam als Beigemüse. Pikant dabei: Der Autor war kein Autor, sondern eine Autorin, eine junge Frau in meinem Alter.

Warum also findet in der Schweiz keine Sexismusdebatte statt? Haben wir jungen Schweizerinnen uns an den netten Sexismus gewöhnt oder ihn sogar selbst übernommen? Sind wir in die Komplimententenfalle getappt? Auch ich falle immer wieder auf sie rein und muss mich selber an der Nase nehmen. Denn auch wenn die Schmeicheleien nett anzuhören sind: In einem politischen oder anderen professionellen Umfeld hat sich niemand über das Aussehen einer Frau, ihre Kleidung oder Frisur zu äussern.

Die Debatte weiterführen

In meinem Umfeld sind wir Frauen kaum mehr feindseligem Sexismus ausgesetzt, wie unsere Mütter das waren. Doch heisst das noch lange nicht, dass die Sache erledigt ist. Netter Sexismus ist nicht besser, die Klischees lassen sich in einem Kompliment nur besser kaschieren.

Die Realität bei der Gleichstellung sieht immer noch schlecht aus. Schauen wir die Gleichberechtigung bei den Löhnen oder den Frauenanteil in Kaderpositionen und damit verbundene Kinderbetreuungsmöglichkeiten an, so sind wir nämlich ein Entwicklungsland. Die Debatte über diese Themen ist noch lange nicht abgeschlossen. Wir jungen Frauen sollten uns nicht vor dem Emanzen-Klischee fürchten, sondern die Diskussion mit unseren Erfahrungen und unserem Stil prägen – und uns dabei nicht von netten Komplimenten um den Finger wickeln lassen.

bz-Kolumne vom 15.05.2013